Puls, Blutdruck, Atmung: Vitalzeichen richtig deuten
In fast jeder Schweizer Apotheke steht ein Gerät, an dem man den Blutdruck selbst messen kann. Man setzt sich hin, schiebt den Arm in die Manschette, wartet, und dann erscheinen zwei Zahlen auf dem Display. Was man damit anfängt, weiss hinterher nur die Hälfte der Leute.
Dazu kommen heute die Werte auf dem Handgelenk. Uhren zählen Pulsschläge, schätzen die Sauerstoffsättigung und schicken Hinweise, wenn etwas aus dem Rahmen fällt. Mehr Daten als früher, bei ungefähr gleich viel Einordnung.
Zeichen oder Symptom
In der Medizin gibt es dafür eine klare Trennung. Ein Zeichen ist objektiv und messbar: Blutdruck, Temperatur, Puls, ein Hautausschlag. Ein Symptom ist das, was eine Person empfindet und schildert: Schmerz, Müdigkeit, Übelkeit. Im Englischen heissen die beiden Gruppen signs und symptoms, im Deutschen klinische Zeichen und Symptome.
Diese Unterscheidung ist kein Fachjargon, sondern praktisch. Beim Arztbesuch zählt beides, nur eben getrennt: Die Werte liefern das Gerät, die Beschwerden liefert man selbst. Wer sich für solche Begriffspaare interessiert, findet in der Zeichenübersicht Signs CH eine Einordnung mit den deutschen Entsprechungen und den englischen Fachausdrücken.
Die vier klassischen Werte
Als Vitalzeichen bezeichnet man jene Messwerte, die den Zustand der lebenswichtigen Körperfunktionen abbilden. Vier davon gehören zum Standard, ein fünfter ist durch die Pulsoximeter dazugekommen.
Der Puls liegt bei Erwachsenen in Ruhe üblicherweise zwischen 60 und 100 Schlägen pro Minute, bei trainierten Personen deutlich tiefer. Die Atemfrequenz beträgt in Ruhe etwa 12 bis 20 Atemzüge pro Minute. Die Körpertemperatur bewegt sich um 36,5 bis 37,5 Grad, abhängig von Tageszeit und Messort. Die Sauerstoffsättigung liegt bei gesunden Erwachsenen bei 95 bis 100 Prozent.
Diese Zahlen sind Orientierungswerte und keine Grenzen. Sie hängen von Alter, Trainingszustand, Medikamenten und Vorerkrankungen ab, und ein einzelner Wert ausserhalb des Bereichs bedeutet für sich genommen wenig. Interessant wird eine Abweichung, wenn sie bleibt oder mit Beschwerden zusammenfällt.
Den Puls kann man ohne Gerät nehmen. Zwei Finger auf die Innenseite des Handgelenks unterhalb des Daumens legen, dreissig Sekunden zählen und das Ergebnis verdoppeln. Dabei lohnt sich die Aufmerksamkeit für den Rhythmus: Ein gleichmässiger Schlag fühlt sich anders an als einer, der stolpert oder aussetzt, und diese Beobachtung gehört in die Konsultation.
Bei Kindern liegen die Werte durchwegs höher. Säuglinge haben einen deutlich schnelleren Puls und eine höhere Atemfrequenz als Erwachsene, und beides sinkt im Laufe der Kindheit. Wer die Werte eines Kindes mit einer Tabelle für Erwachsene vergleicht, kommt deshalb zu falschen Schlüssen.
Beim Blutdruck zählt die Wiederholung
Der Blutdruck ist der Wert mit den meisten Missverständnissen, weil er stark schwankt. Nach dem Treppensteigen, nach einem Kaffee oder im Wartezimmer liegt er höher als im Alltag.
Die Schweizerische Herzstiftung zieht die Grenze bei der Messung in der Arztpraxis: Liegen die Werte wiederholt über 140 zu 90 Millimeter Quecksilbersäule, spricht man von Hypertonie, und das gilt auch dann, wenn nur einer der beiden Werte darüber liegt. Eine einzelne Messung genügt für diese Beurteilung nicht. Bei der Selbstmessung zu Hause oder in der Apotheke gelten Werte unter 130 zu 85 als normal, weil die Umgebung ruhiger ist.
Wird eine Hypertonie festgestellt, unterscheidet die Fachwelt drei Schweregrade.
| Grad | Bezeichnung | Werte in mmHg |
| 1 | leicht | 140 bis 159 und oder 90 bis 99 |
| 2 | mässig | 160 bis 179 und oder 100 bis 109 |
| 3 | schwer | ab 180 und oder ab 110 |
Das Behandlungsziel liegt in der Regel unter 140 zu 90. Bei Diabetes können Ärztin oder Arzt in Absprache mit der Patientin leicht tiefere Werte festlegen.
Richtig messen ist die halbe Arbeit
Die meisten auffälligen Heimwerte entstehen durch die Messung selbst. Sechs Punkte beseitigen den grössten Teil der Fehler:
- In den dreissig Minuten vor der Messung keinen Kaffee, keinen Alkohol und keine Zigaretten.
- Vor dem Start mindestens fünf Minuten bequem sitzen, Rücken angelehnt, Beine nebeneinander, Arm auf dem Tisch.
- Eine Manschette verwenden, die zum Armumfang passt, und sie oberhalb der Ellenbeuge auf Herzhöhe anlegen.
- Mindestens zweimal messen, mit ein bis zwei Minuten Abstand dazwischen.
- Beim ersten Mal beide Arme messen und danach jenen mit dem höheren Wert verwenden.
- Werte mit Datum und Uhrzeit notieren, am besten morgens und abends und vor der Einnahme von Medikamenten, ein- bis zweimal pro Woche.
Alt: Richtig messen ist die halbe Arbeit
Diese Aufzeichnungen sind der eigentliche Gewinn. Ein Blutdruckpass oder eine Notiz im Telefon sagt in der Konsultation mehr aus als die eine Messung im Sprechzimmer, und Beschwerden gehören mit dem Datum dazu.
Was Uhren und Ringe leisten
Tragbare Geräte sind gut darin, Verläufe zu zeigen. Ein Ruhepuls, der über Wochen steigt, ein unruhiger Schlaf, eine Erholungskurve nach dem Sport: Solche Muster erkennt man damit besser als mit Einzelmessungen.
Schwächer sind sie bei absoluten Werten. Optische Sensoren am Handgelenk arbeiten mit Schätzungen, reagieren empfindlich auf Bewegung, Tätowierungen und kalte Hände, und sie sind in der Regel keine Medizinprodukte für die Diagnose. Ein Hinweis der Uhr ist ein Anlass zum Nachmessen mit einem geeigneten Gerät, nicht ein Befund.
Hilfreich ist zudem der Blick auf die Umstände. Ein erhöhter Puls nach drei Tassen Kaffee, ein höherer Blutdruck in einer anstrengenden Arbeitswoche oder eine leicht erhöhte Temperatur am Abend sind erklärbar. Notiert man neben dem Wert auch Schlaf, Belastung und Befinden, lässt sich später unterscheiden, was Alltag war und was auffällig bleibt.
Wann der Wert in die Praxis gehört
Für die Einordnung gilt eine einfache Regel: Nicht die Zahl entscheidet, sondern ihre Dauer und ihre Begleitung. Werte, die über Wochen abweichen, gehören in die Hausarztpraxis, ebenso jede Abweichung, die mit Beschwerden einhergeht.
Bei plötzlich auftretenden Zeichen zählt dagegen jede Minute, etwa bei einseitiger Schwäche, verwaschener Sprache, einem hängenden Mundwinkel, starken Schmerzen in der Brust oder Atemnot. In solchen Fällen ruft man in der Schweiz die Nummer 144 und wartet nicht ab, ob es von selbst verschwindet.
Zahlen mit Kontext
Vitalzeichen sind nützlich, solange man sie als Zeichen behandelt und nicht als Urteil. Sie zeigen eine Richtung, und die Beurteilung dieser Richtung gehört zu einer Fachperson, die die Vorgeschichte kennt.
Wer regelmässig misst, ordentlich notiert und die Aufzeichnung zum Termin mitbringt, macht aus ein paar Zahlen eine brauchbare Grundlage. Das ist weniger spektakulär als eine Warnung auf dem Display, aber deutlich aussagekräftiger.

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